Die Geschichte der Orthopädie
Am Anfang war das Bäumchen
Die Geschichte der medizinischen Versorgung ist eng an die Geschichte unseres Staatswesens gebunden. Dass ein Franzose den Begriff der Orthopädie in Deutschland prägte, ist unter anderem der Frankophilie des alten Fritz zu danken.
Friedrich II. (1712 bis 1786)
obgleich auf eine Krücke gebeugt, trug nicht umsonst den Beinamen "der Große". Der alte Fritz in seiner Strenge war ein aufgeklärter König, der Flötenkonzerte komponierte, philosophische Streitgespräche mit Voltaire liebte und an seinem Hofe französisch parlierte. Zu Preußens Glanz trug bei, dass viele Werke französischer Autoren ins Deutsche übersetzt und gedruckt wurden. So auch das Kompendium eines französischen Mediziners namens Nicolas Andry: „Die Kunst, bey den Kindern die Ungestaltheiten des Leibes zu verhüten und zu verbessern". Diese Kunst nannte Andry „Orthopädie" was übersetzt werden kann mit „richtige Erziehung" oder auch mit „gerades, aufrechtes Kind" (von griech. „orthös - gerade" und „paideia - Erziehung"). Er versinnbildlichte sein Ansinnen mit der Darstellung eines Bäumchens, das an einen Stock gebunden ist, damit es gerade wachsen kann.
Das Besondere an diesem Buch bestand darin, dass erstmals darüber nachgedacht wurde, wie die Künste der Medizin speziell auf Kinder angewandt werden konnten. Nie zuvor waren Kinder als eine eigene Patientengruppe begriffen worden, die anderer medizinischer Hinwendung als Erwachsene bedürfen. Ohne die genauen Beschwerden seiner Patienten zu kennen, zeigen uns Andrys Beschreibungen Krankheitsbilder, die wir noch heute eindeutig der Orthopädie zuordnen können.
Korrigierende Bandagen statt chirurgischer Eingriffe
Sehr einflussreich war etwa 100 Jahre später das „Lehrbuch von den wichtigsten in der Chirurgie und Medizin gebräuchlichsten Bandagen und Maschinen nebst Beschreibung der dieselben indizierenden Übel, besonders der Frakturen und Luxationen" des Berliner Arztes H. E. Fritze. Fritze beschrieb Lähmungen, rachitische Skelettverformungen, Gelenkkontrakturen, Luxationen, Beinverkürzungen und Gliederfehlbildungen.
In seinen Texten und Illustrationen wird deutlich, das der Erfolg einer medizinisch begründeten Korrektur am größten ist, wenn sie im Kindesalter erfolgt. Fritze erreichte damit, dass sich korrigierende Bandagen und andere orthopädische Hilfsmittel durchsetzten, wenn der kindliche Knochenbau, seine Muskeln, Sehnen und Gelenke beeinflusst werden sollten.
Vor etwa 100 Jahren
ergänzten sozialmedizinische Aufgaben die Kinderorthopädie. Mit Konrald Bisalskis Gründung der „Krüppelfürsorge" im Oskar-Helene-Heim in Berlin und der Einrichtung einer „Zentralen Forschungs- und Fortbildungsanstalt für die Krüppelfürsorge" im Jahre 1906 wurden die Behandlung, die Orthopädische Versorgung, die Rehabilitation und die schulische Ausbildung als wichtige medizinisch-soziale Schritte miteinander vereint. Kinderorthopädie und -rehabilitation hatten sich zu einem gemeinsamen Therapieziel zusammengefunden.
Die moderne Orthopädie-Technik vereint technische Hilfsmittel mit modernen Behandlungs- und Versorgungsmethoden. Traditionelle Materialien wie Metall und Leder werden heutzutage mit leichten, thermoplastischen Kunststoffen und federnden Karbonelementen kombiniert. Fußeinbettungen können nach neu-roreflektorischen Prinzipien gefertigt werden. Sie funktionieren als stabilisierende Lagerungs-, Steh- und Geh-Orthesen, wie sie schon zu Beginn der publizierten Orthopädie Gelenke führten, stützten und entlasteten. Kinderorthopädie greift spätestens dann, wenn sich die Kleinen aufrichten. Bei angeborenen Fuß- oder Beindefekten und Lähmungen beginnt das Arbeitsfeld der modernen Orthopädie-Technik.
Die Unterstützung der kindlichen Entwicklung, Fehlstellungsprophylaxe und eine den Aktivitätsmöglichkeiten angepasste orthopädietechnische Versorgung ist das Behandlungsziel. In der interdisziplinären Betreuung, im Team mit dem Facharzt für Orthopädie, der Physiotherapeutin und der orthopädischen Werkstatt liegt der Schlüssel zum Erfolg. Wenn wir es schaffen, dass die uns anvertrauten Kinder aufrecht auf eigenen Füßen die Welt erleben können, dann haben wir unser therapeutisches Ziel erreicht.
Svenja
trägt Unterschenkelorthesen mit starrer Fußeinbettung und stark limitierter Knöchelgelenkbeweglichkeit. Unterhalb der Kniekehlen liegt die Orthese fest an, um vorhersehbare Rotationsfehlstellungen im Unterschenkel hindern. Durch die feste vorgegebene Unterschenkel-Fußeinbettung verlagert sich der Körperschwerpunkt auf die Fußmitte und gibt Standsicherheit bei gelähmter Fuß- und Unterschenkelmuskulatur Svenja möchte tanzen wenn, sie groß ist. Sie wird es schaffen.
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